Nachdem ich am Mittwoch, dem 12. Dezember 2007 erschöpft, aber glücklich wieder im Trommelladen in Ludwigsburg saß, klingelte bereits um sieben Uhr dreißig das Telefon. Es war Bobby Rondinelli, der gerade mit Bonnie Tyler (ja, genau der Schlagersängerin ... was tut man nicht alles für ein paar Taler) in Kanada auf Tournee war und nachts vom Hotelzimmer anrief: „How was Jason? How did Jimmy Page play? Come on, tell me!" Nachdem ich ihm meine Erinnerungen geschildert hatte, ging es dann gerade so weiter, und ich telefonierte an diesem Tag so zirka 11 Stunden. Am nächsten Morgen war ich heiser, ausnahmsweise vom Labern und Erzählen und nicht vom Rauchen und Hefeweizen trinken, wie das sonst ab und zu der Fall sein könnte. Bill Ludwig, Ray von RCI Acrylic Custom Drums, Carl Palmer, Carmine Appice und unzählige Freunde und Kollegen aus Deutschland wollten wissen, wie sich der „kleine" Bonham (der ja immerhin auch schon 41 Jahre alt ist) denn so geschlagen hat.
Auch in der O2-Arena in London hielt sich am 10. Dezember viel „Drummer-Prominenz" auf: Dave Grohl, Chad Smith, Roger Taylor von Queen und Steve Gorman, der Schlagzeuger der Black Crowes, der mit seiner Band auch schon zusammen mit Jimmy Page ein durchaus überzeugendes „Zep-Konzert" abgeliefert hat, sie alle guckten Jason ganz genau auf Hände und Füße - was für ein Druck muss auf dem Mann gelastet haben! Man konnte auch die beiden „Sirs" McCartney und Jagger erspähen, die wollten wahrscheinlich mal eine richtige Band sehen, und wie man denn als Rentner so richtig rockt. Aber lasst mich von Vorne beginnen. Als es klar wurde, dass Led Zeppelin mit Jason Bonham beim Tribute-Konzert zu Ehren des verstorbenen „Atlantic"-Plattenfirmenbosses Ahmet Ertegun auftreten würden, habe ich sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um an ein Ticket zu kommen.
Im Lotto hatte ich zwar noch nie Glück, doch ich registrierte mich natürlich wie 20 Millionen andere Menschen auf der Website, auf der die Tickets verlost wurden, rechnete mir aber keine allzu großen Chancen aus. Ich bohrte erfolglos bei Ludwig und Zildjian und nervte Carl Palmer, denn ELP waren in den Siebzigern auch bei „Atlantic" unter Vertrag. Der einzige Mensch, den ich kenne, der im Vorfeld zwei Karten hatte, ist Todd Trent von Ludwig Drums. Da das Konzert vom 26. November auf den 10. Dezember verlegt wurde, konnte Todd wegen anderer Termine nicht nach London fliegen, und so schickte er die Tickets wieder zurück an Jason Bonham, von dem er sie privat erhalten hatte. Aber das Glück lächelte mir aus dem Schwabenländle zu: Achim K., einer der Macher des deutschen Online Fanclubs „Friends of Zep" gewann ganz regulär zwei Eintrittskarten. Da er mit meiner Tätigkeit als Hilfs-Bonzo in meiner Tribute-Band Fett Zeppelin ganz zufrieden zu sein scheint, gab er mir freundlicherweise eine ab, juchhu! Die „Friends of Zep" sind übrigens eine Superquelle für alle Zeppelin-Belange, mit lauter netten Leuten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und es konnten sich immerhin 15 Menschen zu einem kleinen Clubtreffen in London zusammenfinden, wobei einige nicht so viel Dusel hatten und richtig viel Kohle für ihre Eintrittskarte hinblättern mussten. Es gab hingegen auch zwei Superglückspilze in unserer Runde: beide hatten Flug, Hotel und Konzert bei Radiosendern gewonnen.
Am Londoner Flughafen Heathrow stellte sich heraus dass die eine der äußerst attraktiven jungen Damen die Tochter des Drummers der deutschen Rockband Hölderlin war. Tina, das andere Schoßkind des Glücks, ebenfalls Mitglied der „Friends of Zep" und talentierte Musikantin, setzte sich mit einer originellen Idee gegen zwei andere Bewerber durch. Sie trommelte das Intro von „Poor Tom" im Studio des WDR auf einem alten Briefumschlag, natürlich mit John Bonham Signature Sticks, aus dem Hause V. Die beiden durften dann auch am Sonntag, als wir Normalsterblichen für unsere Armbändchen und Tickets anstanden, kurz in der Halle der Generalprobe beiwohnen (Neid!) - egal, war auch so alles super. Als wir vom Flughafen aus kurz in unserem Minusfünfsternehotel unter pakistanischer Leitung vorbeischauten, um uns frischzumachen, beschlossen wir sofort, dies im nächsten Pub von innen zu erledigen, denn im „Bathroom" unseres Vierbettzimmers war die Klobrille herausgerissen und der einzige funktionierende Wasserhahn entpuppte sich als ein tröpfelndes Rinnsal. Aber das konnte uns 4 hartgesottene Hardcore-Zep-Fans natürlich nicht schockieren, also ab in die Tube (U-Bahn ) und Richtung O2-Arena.
Die ganze Stadt war im Zeppelin-Fieber, viele altehrwürdige, schwarze Londontaxis waren mit dem Schriftzug der Band geschmückt, sogar eine schottische Whisky-Destillerie „lieh" sich das „Mothership"-Design der Alt-Rocker für eine Plakatkampagne.
Als wir am Veranstaltungsort ankamen, wurde uns auch klar, warum: Fans aus aller Herren Länder hielten die Halle besetzt, wir trafen Mexikaner, Kanadier, Franzosen, Spanier, Chilenen, Japaner, US-Amerikaner und klobig gebaute, rotschädelige Wikinger aus Norwegen (die hoffentlich trotz ihres Durstes überhaupt etwas vom Konzert mitbekommen haben). Am besten gefallen hat mir ein weiß verhüllter Scheich oder Radscha, der mit riesigen, goldenen Sandalen und einem Turban (geschmückt mit den 4 Symbolen), mit Zeppelin T-Shirt und Leibwächtern durch die Menschenmassen pflügte, sein Harem von fünf verschleierten Damen im Gänsemarsch hinter ihm her.
Die Ticketausgabe war alphabetisch geordnet. Ich dachte immer, „Vogelmann" ist doch ein sackdummer Name, aber in diesem Falle war es nicht schlecht, so einen Nachnamen zu haben, denn ich stand höchstens eine halbe Stunde am „U bis Z"-Schalter an, und währenddessen die Herren Janssen, Jaquinto-Alvarez, Johnson und Jörgensen sich in der 100 Meter langen „J"-Schlange ärgerten, hatte ich schon längst mein erstes Bier in der „Tapa- Tapa"-Bar in der Hand. In dieser Spelunke trafen wir nach dem Gig Herrn Kroeger von Nickelback, er hatte auch keine Promikarten bekommen, aber das ist eine andere Geschichte. Die Karten waren wirklich auf den einzelnen Konzertbesucher ausgestellt, auf meinem Ticket steht „Marcel Vogelmann" drauf, und ich musste es unter der Vorlage meines Ausweises und der Kreditkarte abholen. Pro Person und Kreditkarte konnte man nur zwei Tickets erwerben. Dieses sollte den Schwarzmarkt eindämmen, was nicht ganz gelang. Jeder weiß, was für astronomische Summen auf Ebay oder sonst wo für dieses Event aufgerufen wurde, und es gab Besessene, die jeden Preis bezahlt hätten, um diese Kapelle live zu sehen. Vielleicht war Bill Gates früher auch Zeppelin-Fan? Wenn man bei der ersten Ziehung im Oktober gewonnen hatte, konnte man rein theoretisch sein Zweitticket versilbern, versteigern oder sonst wo zum Verkauf anbieten. Aber das tut man ja nicht, wir glauben alle ans Gute im Rock'n'Roll, deswegen gibt man die andere Karte nur einem echten Fan, gell? Es gab sogar noch eine dritte Ziehung, Anfang Dezember, bei der mein langjähriger Drumtech und Gong-Anzünder Mick van Hinten noch ein Ticket ergattern konnte, drei Tage vor dem Gig! Auf jeden Fall hatten alle deutschen Zep Freunde dann ihre Wristbands und Tickets, und nach einem kurzen Absacker in Hotelnähe begaben wir uns in unser schönes Vierbettzimmer mit voll aufgedrehter Heizung und nicht zu öffnendem Schiebefenster und schnarchten selig um die Wette.
Am nächsten Morgen musste uns die Hotelleitung Einlass zu unserem triefenden Wasserhahn verschaffen, den Türknauf zum „Bad" hatte es leider zerbröselt, aber was will man auch beim Kostenfaktor von 32 Pfund für zwei luxuriöse Übernachtungen in einer Weltstadt erwarten. Immerhin war die Hotelangestellte, die den verkohlten Toast und den „Kaffee" im sechs Quadratmeter-Frühstücksraum aufstapelte, sehr hübsch. Man müsste noch mal zwanzig sein ... ihr seht, liebe Leser, ich schweife schon wieder weit vom Thema ab. Montag betrieben wir dann noch etwas Rock-Tourismus, besuchten die legendäre „Earls Court"-Konzerthalle und begaben uns zum Mittagessen ins „Sticky Fingers", einem Hamburger-Lokal, das Bill Wyman von den Rolling Stones gehört.
Die Location ist proppevoll mit Memorabilia aus 40 Jahren Musikgeschichte, es gibt kühles Bier, nette Leute und die besten Burger der Stadt. Wenn ihr mal in London seid, geht dort hin, auch wenn ihr die Stones nicht mögt. Ein guter Platz. Ich als Fast Food Junkie empfehle euch den mächtigen „The Stack"-Burger, montags zum halben Preis. Auf dem Weg zur O2-Arena noch kurz bei Herrn Pages „Tower House", seiner Stadtresidenz, vorbeigeschaut. Vor diesem Anwesen stehend habe ich mich lange am Kopf gekratzt, und überlegt, warum ich eigentlich kein Rockstar geworden bin und jene schmucke Immobilie nicht in der Kurfürstenstrasse in Ludwigsburg steht. Das „Tower House" und das „Sticky Fingers" sind beide nah an der U-Bahnstation „High Street Kensington", einer Gegend, die gerade leider „hip" geworden ist. Früher gab es hier super Plattenläden, kleine Designer Stores, Musikgeschäfte und abgefahrene Hippie- und Inder-Shops, in denen sich nicht nur Lenny Kravitz seine Bühnenklamotten leisten konnte. Heute protzen Marmorfassaden von Hilfiger, Diesel und Levis. Schade. Auch die „Carnaby Street", das Herz der Musikszene des „Swinging London" der Sixties hat sich in den letzten 10 Jahren in diese Richtung verändert.
Nach einer Fahrt ans andere Ende der Stadt trafen wir dann doch alle um 18 Uhr im Konzertsaal ein und suchten unsere Plätze. Unsere waren besser als erwartet, Achim und ich saßen links oberhalb der Bühne. Mein Nachbar zur Rechten war ein weberknechtartig gebauter Amerikaner, der ca. 120 Kilogramm auf die Waage brachte und ein imposantes Fernglas auf seinem Wamst lagerte. Neben ihm saß seine Tochter, geschätzte 150 Kilo, dann sein Sohn, der die nächsten beiden Sitze für seine vier Zentner brauchte. Ihr müsst wissen, dass es für fettleibige Menschen wie mich nichts Schöneres gibt, als sich im Kreise noch üppigerer Zeitgenossen zu bewegen, man fühlt sich umgehend dünn und gazellengleich gebaut. Auf jeden Fall schaffte mir mein neuer amerikanischer Freund immense Vorteile, denn alle 5 Minuten, in denen er aufstehen musste, um seinen hungrigen Nachkommen Cola, Eiscreme und Hotdogs von den Büdchen zu holen, drückte er mir sein Hightech- Fernrohr in die Hand. Nachdem ich den Schweiß von den Linsen gewischt hatte, sprangen mir als erstes Bild durchs Binokular zwei rotlackierte Grundplatten eines DW 5000 Doppel-Bassdrum-Pedals ins Auge! Jasons Kit für die Reunion war ein Ludwig „Vistalite" Acryl-Schlagzeug in Gelb, mit schwarzer Hardware, bestückt mit den kleineren „Mini Classic Lugs". 26 x 14er Bassdrum, 16 x 16 und 18 x 16er Stand-Toms, sowie ein 14 x 10 Zoll Tom, an einem RIMSHalter. Alle Pedale stammten von DW wie auch die ebenfalls schwarzen Stative. Eine 14 x 6,5er Black Beauty und eine Supraphonic kamen zum Einsatz, und die Ersatz-Snaredrum, die ich durch den Feldstecher hinter dem Drumriser auf dem Ständer sah, war ein 6,5er Messing-Modell mit Tube Lugs. Jasons Cymbals, alle auf der Unterseite von Zildjian extra mit den drei Kreisen des „Bonham-Symbols" bedruckt, sind ein 24" K Light Ride, 15" A Custom Mastersound Hi-Hats, ein 20" A Custom Crash und ein 20" Avedis Medium Thin Crash, und natürlich darf im Zep-Setup auch ein 40" Traditional Gong nicht fehlen. Von Ludwig gab es noch eine 26er Pedalpauke, für das Fill in „The Song Remains The Same" und das Outro von „Black Dog". Auch der Fiberglaskessel der Timpani war in schwarz lackiert.
Auf der Bassdrum hatte Jason eine Rhythm Watch: „Ich möchte die Songs nicht auf ‚Nummer Sicher' spielen, ich will schon mit Feuer trommeln, so wie mein Vater die Sachen live gespielt hat. Aber es ist unheimlich wichtig, dass alles in einem Tempo passiert, in dem John Paul und Jimmy sich wohl fühlen. Verdammt wichtig war mir auch der Sound, denn man kann als Drummer den Gig seines Lebens spielen, und über die PA kommt gerade nichts beim Publikum an. Ich habe mich also zusammen mit dem Sound Engineer vorbereitet, habe mit ihm dutzende alte Zep-Bootlegs durchgehört, die ich von Fans erhalten hatte. Zu den ersten Proben habe ich das neue ‚Stainless Steel Kit' mitgebracht, ich habe eins von Ludwig bekommen. Aber dann haben sie mir extra für den Gig das gelbe ‚Vistalite' angefertigt".
Schön gemacht, JB, denn so könnte sich John auch angehört haben, in der heutigen Zeit, über eine moderne PA. Das Soundproblem in der scheinbar schlecht zu beschallenden Halle war meiner Meinung nach auch sehr gut gelöst, der einzige Wermutstropfen war vielleicht das während der ersten paar Titel ständig auftauchende, ohrenbetäubende Rückkopplungspfeifen. Dieses fand ich persönlich schon wieder sympathisch, denn wie man sieht, bzw. hört, kann es auch einer der größten Bands der Welt so gehen wie unsereins in einem kleinen Club, wenn es der Mann an den Reglern nicht hinbekommt. Jason hatte sich übrigens auch „Speed King"-Bassdrum-Pedale von Ludwig kommen lassen. „Ich hab' mir sogar alte, ausgeleierte 70er Jahre Speed Kings besorgt, und habe meinen rechten Fuß nach der ‚John Blackwell Methode' trainiert!" Beim Gig wurde es dann doch die DW, was aber in Ordnung ist, denn so wie Bonzo 25 Jahre lang auf einer Speed King rumgetrampelt hat, spielt sein Sohn seit dem Vierteljahrhundert, in dem er schon als Profi-Drummer unterwegs ist, eben die 5000er DW, und wenn er sich mit dieser Maschine wohlfühlt, soll er sie doch benutzen, auch bei Led Zeppelin. „Ich habe nicht den rechten Fuß und vor allem nicht die linke Hand von meinem Dad", sagte er. „Angst gehabt habe ich vor dem Song ‚Rock'n'roll', denn wenn man das Video von Knebworth 1979 anschaut, sieht man genau, was er mit der linken Hand auf der Snaredrum gespielt hat. Jimmy Page hat während der Proben zu mir gesagt, come on, Jase, let's have a listen to a bit of that left hand!' Aber da musste ich durch!"
Bei den ersten vier Liedern spürte man förmlich die Nervosität beim Sohn des Meisters, aber er trommelte von Song zu Song immer geiler, sicherer, sie waren zusammen, eine richtige Band, mit einem souveränen John Paul Jones am Bass und einem großartigen, aufgeräumten Jimmy Page. Wenn an den Tour-Gerüchten etwas dran sein sollte, seht's und hört's euch an, sollten die Wege der vier Herren nach Deutschland führen. Für mich als Ultra-Bonham-Fan hat Jason die schwierige Aufgabe prima gelöst. Er hat manche Sachen nicht genauso gespielt wie sein Vater, aber irgendwann dann wohl einfach mal vergessen, dass ihm jemand wie z. B. Dave Grohl gerade auf die Finger schaut - der Knoten war gelöst, und er hat die Band nach vornegetrieben! Jason hat definitiv die Halle gerockt, und das ist ja wohl unser aller Aufgabe, nämlich als Drummer mit der Gruppe Musik zu machen, und nicht den drei, dreißig oder dreihundert Schlagzeugern im Publikum zu zeigen, was wir für Kerle sind und was wir draufhaben. Jason Bonham hat Led Zeppelin zum Klingen gebracht, Bonzo selig wäre stolz auf seinen Sprössling gewesen. Ein persönliches Highlight für mich war noch eine Ansage von Robert Plant. Der blondgelockte Sängerknabe pflegte in den Siebziger Jahren seinen alten Kumpel John Bonham bei jedem Konzert mit irgendeiner Frotzelei zu ärgern. 2007 kriegte es dann der Junior ab: Vor dem Song „For Your Life", das noch nie von Led Zep vorher live gespielt wurde, gab Robert zum Besten: „... we're playing here for you ... for Ahmet ... bringing in Jason ... and the double bassdrum pedal, hah, hah, hah!"