Für den 28. und 29. April im Jahre des Herrn 2008 wurde ich von der Firma Paiste nach Schacht-Audorf in die Gongmacherei eingeladen. Und tief beeindruckt fuhr ich dann Dienstagnacht mit der Reichsbahn zurück. Noch auf dem Rückweg rief ich als Erstes meinen langjährigen Drum-Tech, Roadie und Gong-Anzünder an: „Wir müssen mit dem Ding sorgsamer umgehen", sagte ich zu Mick van Hinten, "da steckt jede Menge Arbeit, Handwerkskunst und Enthusiasmus drin!".
Mit dem "Ding" meinte ich meinen wunderbaren Paiste-Gong, dessen Ständer (und hoffentlich nur der Ständer) regelmäßig in jeder Show beim "Whole Lotta Love"-Finale in Flammen aufgeht ... doch lasst mich von vorne beginnen.
Ich hatte schon lange die Eingebung, dass Herr A.M. aus K. für sein Stickheftle dringendst eine wunderbare Trommelgeschichte unter dem Arbeitstitel: "Herr Vogelmann hämmert sich seinen eigenen 38-Zoll-Zeppelin-Gong" benötigt. Diese Idee trug ich sodann umgehend dem nervenstarken Jörg Kohlmorgen von der Firma Paiste vor, der das Projekt wohlwollend unterstützte. Die dicken Nervenstränge bekommt man übrigens, wenn man sich Tag für Tag mit Paiste-Künstlern und deren Anliegen befassen muss. Auf der Musikmesse in Frankfurt wurde dann ein Termin festgesetzt, und in der Bestätigungsemail von Erik Paiste hieß es dann: "Marcel, wenn Du in der Zeit, in der Du da bist einen 38-Zöller fertig machen kannst, bekommst Du ein Bier!" Erik muss natürlich kein Bier berappen, denn der der Gong muss nach dem "Schabern" und dem Aufbringen der Logos noch mal in den Ofen, da hat einfach die Zeit nicht gereicht ... jetzt aber endgültig von vorne:
Auf dem Foto weiter unten seht ihr die Belegschaft der Gongmacherei in Schacht-Audorf. Von links nach rechts: Meister Broder "Bop" Oetken, die Gong-Bauer Sven Meier, Viktor Stoller und Valeri Illitsch, dann Johnny Ohm, der fürs Glühen der Rohlinge und den Ständerbau verantwortlich ist.
Die Jungs bereiteten mir Montagmorgen einen herzlichen Empfang, und Broder Oetken führte mich erst einmal in den heiligen Hallen herum. Das Paiste-Werk in Schacht-Audorf in Schleswig-Holstein ist kleiner als man denkt, beherbergt es doch immerhin auch eine Cymbal-Produktion, in der, vielen Gerüchten zum Trotze, alle Cymbals der "Alpha"-Serie bis runter zu den "Messingblechen" hergestellt werden. Es gibt also keine "Chinaproduktion", die Cymbals der günstigeren Serien sind definitiv "Made in Germany". Ab der "2002"-Linie werden die Cymbals in Nottwil in der Schweiz produziert.
Schacht-Audorf ist ein kleiner Ort mit ca. 4500 Einwohnern in der Nähe von Rendsburg am Nord-Ostseekanal. Das erste Gebäude des Paiste-Werks stammt aus dem Jahre 1949, es folgten Anbauten in den 60er-, 80er- und 90er-Jahren. Hinter der Fabrik steht ein Wohnhaus, in dem Großmutter Paiste residiert. Die Dame ist bemerkenswerte 97 Jahre alt und hat wohl alle Höhen und Tiefen der bewegten Geschichte der Familie Paiste miterlebt. Im Werk arbeiten ca. 30 Menschen, davon 5 in der Gongmacherei. Diese 5 Herren stellen im Monat zwischen 60 und 70 Gongs, je nach Größe und Beschaffenheit, in Handarbeit her. Bei Paiste gibt es etwa 100 verschiedene Modelle, davon 54 "Tuned Gongs" (gestimmte Gongs), von C2/C bis F6/f". Die Tuned Gongs sind Kuppelgongs mit einem in der Kuppel zentrierten Klang, welcher auf exakte Tonhöhe gestimmt ist. Somit ist ein Zusammenspiel mit anderen gestimmten Instrumenten möglich. Das Stimmen erfolgt mit feinsten Hammerschlägen unter
Zuhilfenahme von Mikrofonen und elektronischen Stimmgeräten in einem separaten Raum. Es wird centgenau gestimmt. Die "Tuned Gongs" besitzen Durchmesser von 6"/15 cm - 36"/91 cm. Seit ca. 1790 übrigens werden Gongs in europäischen Orchestern gespielt.
Die "Sound Creation"-Gongs haben bestimmte, eigene Klangcharaktere, die emotional einwirkende Empfindungen vermitteln sollen. Es gibt zurzeit 4 "Sound Creation"-Gongs unter der Bezeichnung "Erde" in 26", 32", 38" und 60" und 3 Instrumente (Durchmesser 11", 14" und 16") für die Einwirkungsbereiche Kopf, Brust und Bauch. Paiste-Gongs sind übrigens in manchen Ländern als medizinische Heilmittel anerkannt.
Die sogenannten "Planet Gongs" entsprechen im Klangcharakter den „Symphonic Gongs" im Durchmesser von 20"/51cm - 38"/96cm. Die 14 "Planet Gongs" sind nach Berechnungen von Hans Cousto auf die natürlichen Oktav-Obertöne der Erde, des Mondes, der Sonne und der Planeten eingestimmt. Sie resonieren somit im Einklang mit dem Lauf der Himmelskörper, so wird z. B. der "Venus"-Gong mit einer Umlaufzeit von 224,701 Tagen, einer Frequenz von 221,23 Hertz, dem Ton a und dem Durchmesser 26 Zoll bezeichnet. Ganz schön klug.
Kleine "Deco Gongs" in 7", 10" und 13" auf die man pochen kann, wenn es eine Mahlzeit gibt und "Accent Gongs", die als "Spezialgongs mit aggressivem, fauchenden und lebhaftem Charakter" in der Liste geführt werden, runden das umfangreiche Programm ab. Schließlich kommen wir zu "meiner Baustelle", den "Symphonic Gongs". Das sind die wohl bekanntesten Vertreter der Instrumentengattung, denn sie werden seit Ende der 60er-Jahre gerne von vielen Rock-Drummern wie Carmine Appice, Keith Moon, Nick Mason, Roger Taylor, Carl Palmer, John Bonham und vielen anderen ins Setup integriert. Es mag sein, dass einige dieser Herren dies nur aus optischen Gründen taten, andere jedoch schufen dramatische Effekte mit diesen Instrumenten in den Song-Klassikern jener Zeit.
"Symphonic Gongs" sind flache Gongs, mit harmonischer, universaler Klangstruktur. Das Klangvolumen dieser Gongs kann durch die Art des Anschlags sowie durch Größe, Beschaffenheit und Gewicht des Schlägels vielfältig beeinflusst und variiert werden. Durch Veränderung der Anschlagpunkte lassen sich Höhen oder Tiefen und unterschiedliche Klangmischungen herausspielen. Oft werden diese Gongs auch zu Aufnahmen von Filmmusik / Soundtracks eingesetzt. "Symphonic Gongs" werden in Durchmessern von 20" bis 80" (zwei Meter!) gebaut. Der Zweimeterkollege kostet in Deutschland 23.550,- €, inklusive Mehrwertssteuer. Der von Herrn Bonham und mir bevorzugte 38-Zöller steht mit einem Listenpreis von 2.350,- € im Katalog.
John Bonham besuchte am 14. Februar 1973 Paiste in der Schweiz. Damals bestimmt schon ein guter Werbeträger für die Firma, wurde er zwar mit "Giant Beat"-, "2002"- und "Formula 602"- Cymbals beschenkt, musste aber seinen Gong kaufen, mit „nur" 30% Rabatt. Warum ist das so? Warum geizt eine Company wie Paiste, die ihren Künstlern annährend jeglichen Support zukommen lässt, und die Endorser großzügig mit Material versorgt, mit den Gongs rum? Auch heute ist es selbst für Top-Endorser nicht sooo einfach, zu solch einem Instrument zu kommen, und seit meinem Besuch in Schacht-Audorf ist mir auch klar, warum.
In der Paiste-Info steht geschrieben: "Der Gongmacher beginnt mit einer runden Metallscheibe, die vielfältige, noch in sich ruhende Klangpotenz beinhaltet, welche nun in verschiedene Frequenzbereiche und Klangaussagen gestaltet werden kann. Seine Werkzeuge sind Feuer, Stahl, Hammer und Amboss. Jeder Gongmacher hat eine intensive intuitive Vorstellung des Klanges. Die äußere, sichtbare Gestalt des Gongs ergibt sich aus der Art der Bearbeitung, die notwendig ist, um die jeweils gewünschte Klangaussage zu erreichen. Jeder einzelne Hammerschlag prägt sich unwiderruflich in das Metall ein und gestaltet den Klang bis zu seiner Vollendung durch die letzten vier, fünf wohlgesetzten Schläge. Drei Hammerschläge können zu wenig sein, um das Ziel zu erreichen, und mit dem sechsten könnte es für immer überschritten sein. Diese Entscheidung liegt für jeden einzelnen Gong beim Gongmacher. Die Handfertigkeit und sein Erfahrungswissen erwirbt er sich in vielen Jahren stetigen Bemühens, geführt vom Meister." Der da heißt: Broder "Bop" Oetken. Nachdem Johnny Montagmorgen schon eine 38er "Ronde", so nennt man die Metallscheiben, wie abgesprochen für mich "geglüht" hatte, fragte mich Meester Oetken, mit einem Blick, der nicht unbedingt Vertrauen in meine Handwerkskunst ausdrückte: "Herr Vogelmann, willst du wirklich gleich auf die gute Ronde losgehen? Wir haben hier noch einen Rohling mit einem Materialfehler, an dem könntest du erstmal üben." Ich konnte mich selbstverständlich als guter Gast dem Vorschlag des weisen Mannes nicht verschließen, denn die Ronden aus "Neusilber", einer Kupfer/Zink/Nickel-Legierung sind schon als Rohmaterial nicht gerade günstig. Auch das "Glühen" ist eine Wissenschaft für sich.
Heutzutage kommen die Rohlinge schon in runden Scheiben von den Wielandwerken, von denen Paiste das Rohmaterial für alle Cymbal-Serien, außer "Twenty" bezieht. Früher wurden die Ronden aus Tafeln geschnitten, die eine bestimmte Größe hatten. Großgongs mussten damals aus bis zu drei Tafeln, die von einem alten Schmied verschweißt wurden, zusammengesetzt werden. Die Gongs mussten dann verschliffen werden und hatten eine etwas mattere Oberfläche. Der Meister ritzt mit einem Zirkel die verschiedenen "Glühzonen" ins Blech. Nach dem Glühen muss die Ronde eine Weile ruhen, bis dann mit mächtigen Hammerschlägen der Rand des Gongs geformt wird. Er sieht nun aus wie der Kronkorken der mächtigsten Bierflasche der Welt. Jetzt festigt man den Randbereich mit kleineren Hämmern, und unter mehrmaligem Ausrichten auf der Richtplatte mit viel Körpereinsatz erreicht man langsam die runde Form. Spezielle Schläge zur Stabilisierung des Randbereichs und der genau abgestimmten Wölbung zur Schlagfläche hin waren nicht die leichtesten handwerklichen Übungen in meinem Leben!
Auf dem Boden der Werkstatt unter meinem adipösen Körper sammelte sich eine immense Lache von Schweiß, der da unter dem Grinsen der erfahrenen Gongmacher mir vom Näslein tropfte. Ein Trommelstöckle lässt sich scheinbar leichter schwingen als ein Hammer!
Broder Oetken hat mir den Aufbau der Gongs super erklärt: "Eigentlich verhält es sich wie bei deinen Trommeln: Die Kante und der Rand des Gongs sind der Kessel, der Randbereich ist dein Spannreifen und die Schlagfläche ist das Fell, nur musste hier mit Hammerschlägen stimmen, und nicht durch Vierkantschräubchendrehen!" Beim Stimmen war ich aber leider noch gar nicht, doch auch dieses ferne Ziel konnte ich nach stundenlangem Hämmern und Richten, Hämmern und Richten, Hämmern und Richten irgendwann ins Auge fassen. Beim Stimmen ermunterten mich Sven Meier und Viktor Stoller unentwegt, denn auf diese Schläge, bei denen die Schlagfläche der Hämmer teilweise poliert wird, um den "Sweet Spot" zu finden, kommt es am Ende an! Mein "Machwerk" sah nun fast so aus - und klang schon fast so - wie ein Gong. Der Stolz schwellte meine Brust. Sven Meier erzählte mir: "Weißt du, Herr Vogelmann, es ist zwar ein Knochenjob, aber ich möchte nichts anderes machen. Es ist so ein gutes Gefühl, wenn man sich zwei Tage mit dem Gong herumquält, richtig Energie reinpowert, aber alles wieder zurückbekommt, wenn man das erste mal druffklopft und merkt, was für ein geil klingendes Instrument man geschaffen hat!"
Nach Feierabend lud mich Bop Oetken zu einem besinnlichen, leider leicht verregneten Grillabend zu sich nach Hause ein. Unter Zuhilfenahme einer Flasche Bier redeten wir lange über Gongs und die Welt, was zur Folge hatte, dass sich der Arbeitsbeginn in der Paiste-Gongmacherei Dienstagmorgen etwas verzögerte, da unsere Gong-Gourmet-Ohren den schrillen Klang des Weckers nicht wahrnehmen wollten. In der Werkstatt angekommen, ging es dann ans "Schabern". Hierbei werden in 6 verschiedenen Zonen mit einem Schaber die Längsrillen der Schlagfläche ins Metall gezogen. Es sollte ein circa 50 Millimeter langer und 6 Millimeter dicker Fließspan entstehen, wie vom Meister vorgeschabert, leider war dies bei mir eher nicht der Fall. "Es sieht wenigstens gleichmäßig aus!" tröstete mich Broder, "Ich habe 5 Jahre gebraucht, bis ich von mir behaupten konnte, dass ich einen Gong bauen kann!". Nach dem Schabern und dem Aufbringen der Logos kommt der Gong in den Ofen. Man kann alle Gongs auch heute noch wie in den güldenen 70er-Jahren mit den beiden chinesischen Zeichen ordern. Sie bedeuten: "Das Gute erscheine" und "Das Böse weiche".